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Leseprobe Erfahrungsbericht aus Sonnwandeln Nr. 26 "Lebensphasen und Lebenskrisen, Übergang und Umbruch"

Lange Zeit verlief mein Leben geordnet und überschaubar. Nicht dass immer alles ganz glatt gewesen wäre, aber ich hatte es immer im Griff, auch wenn Probleme oder Schwierigkeiten auftauchten.
Kurz vor meinem 52. Geburtstag veränderte sich binnen weniger Wochen alles. Ich war damals Physiotherapeutin mit einer eigenen Praxis und bewohnte seit mehreren Jahren mit meinem Partner eine schöne Wohnung in einem Zweifamilienhaus im Grünen.
Zugegeben, zum Teil war es mein eigener Fehler. Ich hatte meine Praxis zu einem kleinen Fitness-Studio ausbauen wollen und dafür einen Kredit aufgenommen. Doch leider funktionierte dieser Plan nicht, die Kunden blieben aus und ich musste Konkurs anmelden. Finanziell war ich am Ende, hatte ich doch auch meine wenigen Ersparnisse in das Projekt gesteckt.
Mein Partner verdiente nicht so viel, dass er mich hätte unterstützen können. Zudem verhielt er sich seit einiger Zeit „verdächtig“, ich wusste nicht mehr, woran ich mit ihm war – und tatsächlich, nur wenige Tage nach meiner geschäftlichen Kapitulation teilte er mir mit, dass er sich von mir trenne. Eine Woche später zog er bereits aus.
Mit meiner finanziellen Situation hatte seine Entscheidung allerdings nichts zu tun, er hatte sich einfach in eine jüngere Frau verliebt. Wirklich böse war ich ihm nicht, Midlife Crisis halt, dachte ich, und ich betrachtete es als ein Zeichen des Schicksals, dass ich jetzt meine ganzen Kräfte darauf konzentrieren konnte, wie es beruflich weitergehen sollte.
Doch als mein Vermieter mir kurz darauf die Wohnung kündigte, weil sein eigener Sohn da einziehen wollte, brach ich zusammen. Das war zuviel auf einmal! Geld weg, Arbeitsplatz weg, Freund weg, Wohnung weg... Ich wusste nicht mehr weiter, ich war verzweifelt. Nach einem Konkursverfahren waren meine Chancen, eine neue Wohnung zu finden, gleich Null, und in meinem Alter eine Anstellung zu bekommen ebenfalls. Mir würde nichts anderes übrig bleiben, als beim Sozialamt anzuklopfen. Ich schämte mich zutiefst für mein Versagen.
In jenen Tagen traf ich „zufällig“ beim Einkaufen eine alte Bekannte, die ich seit über einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen hatte. Ich erzählte ihr von meiner Situation – das tat ich bei allen, immer in der Hoffnung, jemand wüsste mir eine Wohnung oder einen Job. Sie überlegte einen Augenblick, dann sagte sie: „Du musst jetzt zuerst mit dir selbst ins Reine kommen und deine innere Ruhe wieder finden. Warum gehst du nicht für eine Weile ins Kloster? Ich habe gehört, dass dort Gäste aufgenommen werden, man kann bis zu einem Jahr bleiben.“
Augenblicklich wusste ich, dass das genau das Richtige war. Für Spiritualität hatte ich mich ohnehin immer schon interessiert. Ich wurde im Kloster herzlich aufgenommen und schon nach wenigen Tagen war mir klar, dass eine solche Gemeinschaft die Lebensform war, nach der meine Seele immer gedürstet hatte. Ich konvertierte zum Katholizismus, begann ein Theologiestudium und durfte für die ganze Dauer meiner Ausbildung kostenlos im Kloster wohnen bleiben.
Nach dem Abschluss trat ich aus dem Kloster aus und nahm mir wieder eine eigene Wohnung, nachdem ich von einer Pfarrei als Theologin eingestellt worden war. Mit viel Hingabe widmete ich mich meinen Aufgaben, sie erfüllten mich vollends. Für mehrere Jahre.
Inzwischen hatte ich aber das Pensionsalter erreicht und die Kirche wollte mich nicht weiter beschäftigen. Erneut stand ich mit nichts da, die kleine Rente reichte nämlich bei weitem nicht aus, um meinen Lebensunterhalt zu decken. Ich musste nach einer ergänzenden Einkommensmöglichkeit suchen.
Und ich besann mich wieder auf meine ursprüngliche Tätigkeit! In einer Physiotherapiepraxis konnte ich mich günstig einmieten und nun übe ich meinen Beruf wieder aus – solange ich gesund bin und es körperlich geht. Ich bin überzeugt, dass wenn ich das nicht mehr tun kann, sich eine andere Lösung anbieten wird.

 

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